Künftige UX-Experten programmieren mit

von am 27.02.2017
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UX-Experten programmieren eine App für HoloLens
UX-Experten beim Programmieren einer Applikation für die HoloLens: Fredrik Gundelsweiler und Steffen Walter von Zühlke

Weshalb soll ein User Experience Experte beziehungsweise Usability Engineer auch Kenntnisse in der Software-Programmierung haben? Zwei Szenarien zeigen auf, dass es viele Gründe dafür gibt.

Szenario 1:  Der UX-Experte ist Teil eines interdisziplinären Projektteams, das mit einem agilen Vorgehensmodell arbeitet. Primäre Aufgabe der User Experience ist es, Benutzeranforderungen zu erheben und darzustellen. Die Anforderungen werden typischerweise mittels Contextual Inquiry, Interviews, Fragebögen oder Workshops erhoben. Um solche Anforderungen erlebbar zu machen, müssen sie visualisiert werden. Dies geschieht mit Prototypen und verschiedenen Detailgraden. Was sich anfänglich noch auf sketch-level entwickelte, wächst schnell zu einem interaktiven Prototyp mit einem Design heran, das dem späteren Produkt sehr nahe ist. Die gängigen Tools zur Erstellung von Prototypen sind zwar einfach in der Handhabung, aber nur zur Vorstellung und für Usability-Tests geeignet. Zur späteren Entwicklung kann man sie entweder nur eingeschränkt oder gar nicht als Vorlage nutzen.

Gerade bei Webprojekten ergibt es Sinn, Prototypen zu entwickeln, die einen höheren Wiederverwendungswert haben. In der Praxis ist es leider allzu oft der Fall, dass die UX-Experten nach der Erstellung von Wireframes, Prototypen und Visual Designs aus dem Projekt abgezogen werden. Im besten Falle haben diese einen Styleguide erstellt, der die gängigsten Pagetypes, Patterns und Elemente detailliert beschreibt. Die Programmierer können sich jedoch oft aus Zeit- und Budgetmangel und/oder wegen technischer Hürden nicht an die Vorlagen halten.

Mehr HTML- und CSS-Wissen

Um dieses Problem zu lösen, wäre es gut, wenn UX-Experten über Kenntnisse im Programmieren verfügten. Diese sollten über die Basiskenntnisse in HTML und CSS hinausgehen. Kann ein Usability- Experte seine eigenen Entwürfe umsetzen, würde dies die Frontend-Softwareentwickler entlasten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der programmierende UX-Experte den UI-Softwareentwickler ersetzt, sondern ideal ergänzt, indem der UX-Experte ihm Arbeit abnimmt und Abklärungsarbeit erspart.

In einem agilen Projektteam gibt es unter anderem einen UX-Experten mit Erfahrung in der User Interface-Programmierung. Daneben gibt es mehrere Frontend-Entwickler. Der UX-Experte erhebt Benutzeranforderungen und entwirft aus den funktionalen Anforderungen zunächst Handskizzen. Diese werden in mehreren Iterationen besprochen und verbessert. Danach kann ein Wireframe erstellt werden. Es entsteht nicht mehr wie bisher mit einem Prototypingtool wie Axure oder Balsamiq, sondern der UX-Experte erstellt ein HTML-Gerüst entweder von Hand oder mit einem Tool für die Websitenerstellung. Das Basis-Wireframe stellt er den Frontend-Entwicklern vor, die es gegebenenfalls anpassen. Die Frontend-Entwickler können sich nun voll und ganz auf die Logik der Webseite im UI konzentrieren und müssen keine Gestaltungsarbeiten mehr in Absprache mit dem UX-Experten durchführen. Sind dann die Stories implementiert, beseitigt der UX-Experte selbständig die Bugs im User Interface. Der UX-Zuständige hat den kompletten Sourcecode und kann auch selbständig neue Features im Rahmen eines Prototypen implementieren und testen. Auf diese Weise wird mehr Code in die spätere Software übernommen.

Interaktionen mit der HoloLens

Szenario 2: Ein UX-Experte möchte eine neue Interaktionsart mit einer noch nicht weit verbreiteten Hardware entwickeln. Nehmen wir als Beispiel eine Augmented-Reality-Brille, die HoloLens von Microsoft. Diese verfügt zwar über einige vorinstallierte Applikationen. Um jedoch neue Interaktionskonzepte zu entwickeln, muss man sie selber programmieren. Dies bedeutet: Man muss sich in der .NET Umgebung zurechtfinden und verschiedene API benutzen.

Neue Technologien setzen ein konkretes Anwendungsbeispiel voraus, einen sogenannten Showcase, der der Veranschaulichung der neuen Interaktion dient. Dieser muss zeitnah nach Verfügbarkeit der Hardware fertiggestellt werden. Ein programmierender UX-Experte kann das Interaktionskonzept und das Szenario entwickeln und selber implementieren. Auf diese Weise können Ressourcen eingespart werden, da es weniger Personen erfordert, den Showcase zu entwickeln, und da auch weniger Absprachen notwendig sind. Änderungen bei der Bedienung kann er selbst einarbeiten, wenn er merkt, dass es nicht so funktioniert, wie es ursprünglich konzipiert wurde. Dies ist bei der Human-Computer-Interaction (HCI) eine gängige Praxis.

UX-Experten programmieren eine App für HoloLens

UX-Experten beim Programmieren einer Applikation für die HoloLens: Fredrik Gundelsweiler und Steffen Walter von Zühlke

Und das Fazit zu den beiden Szenarien: Ein UX-Experte, der Kenntnisse im Programmieren hat, ist effizienter und vielseitiger in Projekten einsetzbar. Setzt man ihn einem Projektteam ein, um aus Prototypen Codes zu generieren, kann er einen Mehrwert bieten, und es lassen sich Ressourcen einsparen. Setzt er neue Interaktionskonzepte gleich selber um, werden schneller Showcases entwickelt, die bei einer neuen Hardware unerlässlich sind.

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